Jedes Jahr am Equal Pay Day vergleichen wir – wieder – Frauen und Männer. Wir rechnen Prozentpunkte, Durchschnittsgehälter, Erwerbsquoten. Wir sagen: Frauen verdienen x Prozent weniger. Und ja, das stimmt, das ist ein strukturelles Problem. Aber vielleicht ist es an der Zeit, sich zu fragen: Ist das wirklich der einzige Maßstab?
Worum geht es uns eigentlich, wenn wir über Gleichheit sprechen? Geht es darum, dass Frauen so viel verdienen wie Männer – oder dass wir alle das bekommen, was wir brauchen, um gut leben zu können? Denn Gleichheit im Einkommen löst nicht automatisch die Frage nach der Wertschätzung. Eine Pflegekraft verdient weniger als jemand in der IT – aber ist ihre Arbeit deswegen weniger wert? Und was ist mit der alleinerziehenden Mutter, die kaum Steuerersparnis hat, gegenüber dem „leistungsfähigeren“ kinderlosen Doppelverdiener-Paar?
Vielleicht greift unsere ganze Debatte zu kurz, wenn sie sich nur an Vergleichbarkeit orientiert. Vielleicht ist es nicht die Frage, wie gleich wir sind – sondern wie ehrlich wir mit unseren Bedürfnissen und Werten umgehen. Was brauche ich wirklich, um leben, lieben, wirken zu können? Was heißt Erfolg für mich, wenn ich den Maßstab anderer loslasse? Selbstwertschätzung – das könnte der eigentliche Wendepunkt sein. Nicht höher, schneller, weiter. Sondern bewusster, ehrlicher, menschlicher.
Selbstwertschätzung
Selbstwertschätzung – im Sinne des Modells von Mruc – meint mehr als das bloße Wissen um die eigenen Fähigkeiten. Es geht nicht nur darum, was ich kann oder wie gut ich etwas kann. Entscheidend ist, wie liebevoll ich mit mir selbst umgehe, während ich tue, was ich tue.

Mruc unterscheidet zwischen dem leistungsorientierten Selbstwert und dem emotionalen Selbstwert. Der erste speist sich aus Erfolg, Vergleich und Anerkennung – dem, was die Welt sieht. Der zweite entsteht aus innerer Stimmigkeit: aus der Erfahrung, dass ich mir selbst treu bleibe, auch wenn das nach außen vielleicht nicht nach „Erfolg“ aussieht. Selbstwertschätzung heißt also, sich selbst im Tun gern zu haben. Nicht nur stolz zu sein, etwas geschafft zu haben – sondern auch freundlich mit sich zu bleiben, wenn man andere Wege wählt: eine Gangart, die ruhiger ist, bewusster, vielleicht weniger „effizient“. Bin ich mir selbst treu, wenn ich immer schneller laufe, um Schritt zu halten? Oder lebe ich mich besser, wenn ich mir den Freiraum nehme – auch wenn das bedeutet, dass ich nicht jedes Jahr fliege, sondern stattdessen mehr Zeit mit meinen Kindern verbringe?
Selbstwertschätzung in diesem Sinn lädt dazu ein, Maßstäbe zu verschieben. Weg vom äußeren Vergleich, hin zur Frage: Wie will ich leben, damit ich mich dabei noch mögen kann?
Vom Equal Pay Day zum Equal Beitrag-zur-Welt Day
Vielleicht müssten wir die Perspektive noch einmal drehen. Gleichheit im Lohn ist wichtig – aber vielleicht reicht sie nicht aus. In meinem Coaching erlebe ich oft Menschen, die gar nicht fragen: Was ist ein gerechtes Gehalt? Sondern eher: Wie kann ich wieder einen sinnvollen Beitrag leisten? Es sind Menschen, die aus dem System gefallen sind, weil Krankheit, Erschöpfung oder familiäre Verantwortung sie aus der Erwerbsarbeit gedrängt haben. Und wenn sie den Mut finden, wieder einzusteigen, dann suchen sie selten nach „vergleichbarem Einkommen“. Sie sehnen sich nach Sinn, nach Augenhöhe, nach echter Wertschätzung für das, was sie tun – gleichgültig, in welcher Branche, in welchem Umfang oder unter welchem Titel.
Vielleicht ist es das, was wir wirklich brauchen: ein Equal-Beitrag-zur-Welt-Day. Ein Tag, an dem wir uns fragen, was jeder und jede von uns beiträgt – und wie viel Raum wir geben für unterschiedliche Formen dieses Beitrags. Denn würdevoll zu arbeiten heißt nicht, sich in Leistung zu messen, sondern im Miteinander Bedeutung zu finden. Wenn wir Gleichheit so verstehen, dann geht es nicht mehr nur um Geld, sondern um Selbstwert. Um das gemeinsame Erkennen, dass Wertschätzung nicht verrechnet, sondern empfunden wird.
Selbstwertschätzung ohne Gehaltsabrechnung
Vielleicht beginnt echte Gleichheit nicht auf den Gehaltsabrechnungen, sondern in uns selbst. Wenn wir aufhören, uns an äußeren Maßstäben zu messen, und anfangen, unsere Wünsche, unsere Grenzen und unseren inneren Takt zu achten.
Selbstwertschätzung ist dann kein Ziel, sondern eine Haltung – ein täglicher kleiner Balanceakt zwischen Tun und Sein.
Die eigentliche Frage lautet am Ende vielleicht gar nicht: Was verdiene ich? Sondern: Wie liebevoll gehe ich mit mir um, während ich ein Leben lebe, das zu mir passt?
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